Moderner Personenschutz durch Aufklärung

Michael Holst gibt eine Sicht auf den modernen Personenschutz durch Aufklärung. Der Fall der entführten Unternehmertochter aus Meißen letztes Jahr, sowie weitere Fälle zeigen, dass Entführungen in Deutschland wieder zunehmen. Der zeitliche Fortschritt hat auch den Personenschutz verändert.

Der moderne Personenschützer im Wandel der Zeit

Ein muskelbepackter Hüne, gute 2 Meter groß, bekleidet mit einem dunklen Anzug und Sonnenbrille. Wie ein Schatten folgt er seiner Schutzperson auf Schritt und Tritt, weicht nicht von ihrer Seite. Dieses überwiegend, leider immer noch typische Bild eines Personenschützers, existiert sowohl bei den meisten Kunden als auch bei vielen Anbietern aus dem Bereich Personenschutz. Neue Bedrohungsbilder jedoch erfordern ein Umdenken.

Anforderungen an den Personenschutz heute

Die Zeiten der sogenannten UPS Maßnahmen, also des Unmittelbaren Personenschutzes mit permanenter Begleitung in der Nahdistanz, sind weitestgehend überholt. Natürlich sind bei einer konkreten Gefährdung der Schutzperson, insbesondere bei Attentats- und Anschlagsdrohungen aber auch diese noch zwangsläufig notwendig.

Betrachtet man jedoch die überwiegende Gefährdungslage im einundzwanzigsten Jahrhundert, die hauptsächlich durch Entführung und Erpressung dominiert wird, so wird man feststellen, das die Bereiche MPS, der mittelbare Personenschutz und EPS, der erweiterte Personenschutz, zunehmend in den Vordergrund gerückt sind.

Was früher nur als erweiterte Personenschutzmaßnahme definiert wurde, ist in der heutigen Auftragsausführung absolut unerlässlich und nicht mehr wegzudenken.

Aufklärung im Personenschutz

Die Aufklärung galt bislang nur als eine von vielen möglichen erweiterten Maßnahmen und in ihrer scheinbar unwesentlichen präventiven Ausführung auch nur als kleiner Teil des Gesamtkonzeptes. Neue Erkenntnisse zeigen jedoch, dass die Aufklärung einen unabdingbaren Baustein im Schutzkonzept darstellt und mittlerweile im „modernen Personenschutz“ überwiegt.

Abgesehen von den Affekttaten erfordert jede kriminelle Handlung, besonders im Segment Entführung und Erpressung eine genaue Planung und somit auch gewisse Grundkenntnisse über die Zielperson. In einer modernen Zeit, in der auch das Internet eine große Rolle spielt, ist es für die Gegenseite um einiges leichter geworden an Informationen über die Schutzperson zu gelangen.

Nach Google Earth und Street View, die eventuell schon im Vorfeld ein auskundschaften der örtlichen Gegebenheiten ermöglichen, bilden auch Twitter und Facebook ein erhöhtes Risiko. Das beste Schutzkonzept bringt nichts, wenn die Schutzpersonen ständig über derartige Netzwerke verbreiten, wo sie gerade sind und was sie gerade machen.

Beratungskompetenz als Schlüsselqualifikation

Und wo früher nur Fotografen mit großen sichtbaren Kameras ein absehbares Problem für die Personenschützer darstellten, bringen heutzutage Smartphone und Smartwatch  immer ein Risiko mit sich. Beispielsweise, dass Fotos der Schutzpersonen plötzlich im Netz verbreitet werden. Der Personenschützer kann seinen Schutzpersonen natürlich nicht ihre freie Entfaltung verbieten, jedoch gehört es auch zu seinen Aufgaben, dieses zu recherchieren und dann durch Sensibilisierung und Beratung seiner Klienten, dieses weit möglichst zu unterbinden.

Aber auch das beschaffen von Informationen „vor Ort“ und somit das ständige Beobachten der Zielperson durch die Gegenseite ist für eine geplante Tat unausweichlich. „Zu welchen regelmäßigen Zeiten sucht die Zielperson bestimmte Örtlichkeiten auf“ etc. ist nur ein Beispiel das zur sogenannten „Opferrecherche“ der Täter gehört.

Personenschutz durch Aufklärung setzt im Gefahrenvorfeld an

Aufklärung ist ein regelmäßiges lückenloses Beobachten des Umfeldes der Schutzperson durch die Personenschützer. Der Aufklärer muss in der Lage sein, ungewöhnliche Zustände von gewöhnlichen Zuständen unterscheiden zu können.

Er muss für die Gegenseite unerkannt bleiben, alle Unregelmäßigkeiten erkennen, dokumentieren, auswerten und nachbearbeiten. Diesbezüglich sollte die Verwendung von modernen Datenbanken und eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei für den Personenschützer selbstverständlich sein.

Anmerkung

Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch die Aufklärungskräfte über eine qualifizierte Ausbildung im “eigentlichen“ Personenschutz verfügen müssen.

Bei Feststellung  von ungewöhnlichen Vorkommnissen, die auf eine Veränderung der Gefährdungslage hindeuten, muss der Aufklärer jeder Zeit in der Lage sein in den unmittelbaren Personenschutz zu wechseln und im Bezug auf diese Tätigkeit alle dafür erforderlichen taktischen Maßnahmen perfekt beherrschen.

Vorteile von Aufklärungskonzepten

Die Schutzpersonen fühlen sich in ihrer Privatsphäre und dem persönlichen Bereich weniger eingeschränkt, wissen sich jedoch durch die permanente Anwesenheit der Personenschützer im persönlichen Umfeld, in Sicherheit zu befinden.

Die Personenschützer können durch adäquate Aufklärung, geplante Übergriffe der Gegenseite auf die körperliche Unversehrtheit und die Willens- und Handlungsfreiheit ihrer Schutzperson vorab reagieren und diese weitestgehend unterbinden, bzw. die Möglichkeit eines „Überraschungsangriffes“ auf ein Minimum reduzieren.

Vorbereitungszeiträume bei Entführungen

Opfer                                                        Vorbereitungszeit durch die Täter

Schlecker- Kinder                                       mehr als 6 Monate

Jan P. Reemtsma                                        10 Monate

Jakob von Metzler                                      mehrere Wochen

Moritz B.                                                       mind. 2 Monate

Stefan T.                                                        wochenlang beobachtet


Bedrohungslage wird häufig unterschätzt

Die aktuellen Entführungsfälle, deuten wieder einmal auf die Notwendigkeit von ausgewählten Schutzmaßnahmen für exponierte Personen aus Wirtschaft, Politik und Industrie, sowie allgemein für Personen, die über ein gewisses Vermögen verfügen und besonders in der öffentlichen Wahrnehmung stehen.

Oft wird jedoch gerade durch diese Gesellschaftsschichten die vorhandene Gefährdung der eigenen Person oder Familie unterschätzt. Oder aber man hat noch das „alte Bild“ der „ Bodyguards“ vor Augen und nimmt deshalb lieber Abstand von Personenschutzmaßnahmen.

Kosten professioneller Personenschutzkonzepte

Auch sind die auftretenden Kosten ein wesentlicher Faktor bei der Entscheidungsfindung für Sicherheits-maßnahmen. John Ruskin sagte einmal, dass es das Gesetz der Wirtschaft verbietet, für wenig Geld viel Leistung zu erhalten und das es unklug währe zu viel zu bezahlen, aber noch schlechter zu wenig zu bezahlen.

Betrachtet man diesen Aspekt einmal im Bezug auf Personenschutz und dem damit verbundenen materiellen, technischen und organisatorischen Aufwand, so bedarf es nur logischen Denkens um zu erkennen, dass eine kostengünstige Alternative auch ein erhöhtes Risiko mit sich bringt.

Anmerkung

Aber gibt es etwas, dass schützenswerter und kostbarer  ist als das eigene Leben? Nicht selten bedeutet es für die Opfer schwere körperliche Schäden, den Tod, aber auf jeden Fall  immer ein Trauma unter dem sie ein Leben lang leiden werden.

Auswahl eines geeigneten Anbieters

Das jeweilige Sicherungskonzept steht und fällt mit den Leistungen und Qualifikationen der Anbieter. Der Bereich Personenschutz ist in Deutschland leider immer noch keine geschützte Berufsbezeichnung und unterliegt somit auch keinen Qualifikations- und Ausbildungskriterien. Das ist in einem Berufsfeld, in dem es im Fall der Fälle um Leben oder Tod geht, mehr als fatal.

Schaut man sich nur einmal an wie viele Sicherheitsdienstleister es in Deutschland gibt, die auch Personenschutz anbieten und wie viele von denen eine wirklich adäquate Ausbildung nachweisen können, so kommt man zu einem mehr als unzufrieden stellenden Ergebnis.

Die Unwissenheit vieler Kunden diesbezüglich, zieht automatisch eine Gefährdung nach sich. So werden dann oft die, die für Schutz sorgen sollten, zur eigentlichen Gefahr. Denn selbst die größte Unsicherheit ist nicht annähernd so gefährlich wie eine falsche Sicherheit.

Nachfrage nach Personenschutz gestiegen

Die Nachfrage nach Personenschutz hat in jüngster Vergangenheit wieder stetig zugenommen. Die steigende Zahl politisch orientierter Täter hat mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris die traurige Gewissheit an die Öffentlichkeit gebracht, dass auch der Terrorismus sehr nah und allgegenwärtig ist.

Ebenso trägt die schlechte finanzielle Situation vieler Menschen dazu bei, dass Entführung, Erpressung und Raub nicht mehr überwiegend der organisierten Kriminalität zuzuordnen sind, sondern auch von „normalen Bürgern“ ausgeführt werden, die in ihrer verzweifelten Lebenslage jegliche Hemmschwellen verloren haben.

Neue Bedrohungsbilder für den Personenschutz

Abschließend sei noch zu erwähnen, dass auch potenzielle Täter sich weiterentwickeln und an moderne Strategien des Personenschutzes anpassen. Neue Bedrohungsbilder sind bereits absehbar. Der technische Fortschritt und der erlaubte privat Besitz von Drohnen stellt eine nicht unerhebliche Herausforderung an den Personenschutz von heute. In dieser Hinsicht gewinnen auch Informationsschutzmaßnahmen immer mehr an Bedeutung.

Diese Thematik wird uns in naher Zukunft noch intensiver beschäftigen und bestimmt einige schweißtreibende Situationen bescheren!

Autor
Michael Holst
Homepage

Michael Holst hat sich mit seinem Unternehmen „Schutz und Sicherheit Holst“ auf den Personenschutz- und die Beratung exponierter Personen und Unternehmen spezialisiert.

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