Kriterien zum Kauf einer ballistischen Schutzweste

schutzweste

Eine ballistische Schutzweste kann Ihnen das Leben retten. In diesem Beitrag erfahren Sie alles Wissenswerte, um eine geeignete Auswahl für den Kauf treffen zu können. Bereits vor hunderten Jahren suchten die Menschen nach einer Möglichkeit, sich vor Gefahren und schädigenden Einwirkungen zu schützen. Sei es durch die Jagd, durch Krieg oder Verbrechen. Schutzwesten wurden schon immer gefertigt. Wir Alle kennen dieses Bild vom Ritter auf hohem Ross. Umhüllt von einer stählernen Rüstung oder einem Plattenpanzer. Sogar davor wurden Felle und Leder zu einfachen Rüstungen verarbeitet, was nichts Anderes als eine sehr primitive Form einer Schutzweste darstellte.

Heute stehen Herstellern weit bessere und hochwertigere Materialien und Produktionsverfahren zur Verfügung und bei der Vielzahl an diversen Anbietern unterschiedlicher Modelle verliert man schnell den Überblick. Um ballistische Schutzwesten ranken sich häufig eine Vielzahl von Mythen und Annahmen. In diesem Artikel erläutere ich die wichtigsten Punkte und Auswahlkriterien zum Kauf einer geeignete Schutzweste für Ihren individuellen Sicherheitsbedarf.

Definition: Ballistische Schutzweste

Sicherheit ist ein Gefühl – aber eben nicht nur. Kugelsichere Westen gibt es nicht. Laien wiegen sich häufig in „Sicherheit“ beim Gedanken eine ausgemusterte „Polizeiweste“ zu tragen. Dabei ist dieser Umstand mehr als zweifelhaft. Warum das so ist, darauf werde ich weiter unten eingehen. Wenn überhaupt gibt es beschusshemmende Westen. Wir wollen uns auf die Bezeichnung „Ballistische Schutzweste“ festlegen.

Eine solche Weste schützt den Träger bis zur angegebenen Schutzklasse vor der tödlichen Wirkung von Projektilen. Und hier liegt auch schon die Kernaussage: Als Träger einer Schutzweste erhalte ich lediglich die Chance zu überleben. Keineswegs aber kann eine Weste „schusssicher“ sein. Hüten Sie sich also vor Anbietern und Händlern, die mit Begriffen wie „kugelsicher“ oder „schusssicher“ hantieren. Hierbei handelt es sich häufig um unseriöse Anbieter mit mangelndem Fachwissen. 

Machen Sie eine Bedarfsanalyse

Um eine geeignete Schutzweste zu finden, müssen Sie zuerst Ihren Bedarf ermitteln. Es gibt nicht „die beste Weste“ oder „die beste Schutzklasse“. Alle Variationen haben entsprechende Vor- und Nachteile. Wichtig ist zu wissen, wofür Sie überhaupt ballistischen Schutz bzw. ggf. Stichschutz benötigen.

Hinweis

Die enorme Energie, die durch die Weste beim Aufprall des Projektils absorbiert wird, wirkt trotz hochwertiger Materialien dennoch gegen Ihren Körper. Ein sogenannter Schockabsorber mindert diesen Effekt in hohem Maß. Stumpfe Traumata und teils schwere Verletzungen sind bei einem Getroffenen trotzdem nicht auszuschließen.

Welche Schutzklasse benötigen Sie?

Folgende Fragen helfen Ihnen, bei der Auswahl eines geeigneten Modells: 

  • Benötigen Sie die Weste beruflich oder privat?
  • Möchten Sie sich nur gegen Projektile oder auch gegen Messerstiche schützen?
  • Welche Angriffe sind wahrscheinlich bzw. absehbar?
  • Tragen Sie die Weste offen oder verdeckt?
  • Wohnen und residieren Sie die meiste Zeit innerhalb Deutschlands?
  • Reisen Sie regelmäßig in Krisen- oder gar Kriegsgebiete?
  • Wieviel Geld sind Sie bereit auszugeben?

Diese Fragen dienen Ihnen als eine Art Checkliste, um die Auswahl angebotener Produkte sinnvoll einzugrenzen. Sind Sie als Sicherheitsmitarbeiter tätig, haben Sie andere Voraussetzungen als im privaten Gebrauch. Sind Sie öfters im Ausland und insbesondere in Krisengebieten tätig, beispielsweise als Journalist oder Reporter, so birgt das selbstverständlich ein höheres Risiko in sich. Jedoch ist die offene Trageweise hierbei kein Problem und Sie haben somit mehr Möglichkeiten, sogenannte „Hartballistik-Einlagen“ nachzurüsten und somit eine höhere Schutzklasse zu erreichen.

 

Welche Schutzklassen gibt es?

Sie sollten nun die wichtigsten Fragen zur Auswahl der für Sie geeigneten Schutzklasse geklärt haben. In Deutschland gibt es insgesamt vier offizielle Schutzklassen:

  • Schutzklasse 1 (SK1): schützt vor gängiger Kurzwaffenmunition
  • Schutzklasse 2 (SK2): schützt vor Kurzwaffenmunition mit Hartkern
  • Schutzklasse 3 (SK3): schützt vor Langwaffenmunition
  • Schutzklasse 4 (SK4): schützt vor Langwaffenmunition mit Hartkern

Schutzklasse 1 ist die am gängigsten genutzte Variante und kommt bspw. unter anderem bei der Polizei in Deutschland zum Einsatz.  Vorab sei gesagt, dass zwischen folgenden zwei Kategorien unterschieden werden kann:

  1. Weichballistik
  2. Hartballistik

Zur Herstellung ballistischer Schutzwesten werden in der Regel sogenannte Aramide verwendet. Aramidfasern zeichnen sich durch eine oftmals sehr hohe Reißfestigkeit und Bruchdehnung aus. Desweiteren sind sie hitze- und feuerbeständig und schmelzen bei hohen Temperaturen nicht. Ein bekanntes Beispiel ist Kevlar, der seit Jahrzehnten für die Herstellung von Schutzbekleidung verwendet wird.

Wozu dann Hartballistik, fragen Sie sich? Beim Einsatz niedriger Schutzklassen, bei denen lediglich Weichballistik verarbeitet wurde, können Projektile aus herkömmlichen Kleinwaffen in der Regel abgefangen werden. Bei Langwaffen-Projektilen dagegen (bspw. „Kalaschnikow“) sieht es schlecht aus. Hierzu werden zusätzlich sogenannte Hartkeramik-Platten eingesetzt. Entweder in einem zusätzlichen Fach der Schutzwestenhülle oder in sogenannten Plattenträgern (plate carrier) als Standalone-Version.

Offene oder verdeckte Trageweise?

Die Frage erübrigt sich eigentlich von selbst. Sollten Sie kein Angehöriger entsprechender Behörden sein, rate ich Ihnen unbedingt, die Schutzweste verdeckt zu tragen. Neben dem Aspekt der erhöhten Auffälligkeit (auch gegenüber der Polizei) könnte ein potentieller Angreifer extra auf ungeschützte Körperpartien zielen. Bei verdeckter Trageweise ist dies nicht ersichtlich.

Hinweis:

Kaufen Sie unter keinen Umständen Billigmodelle oder sogenannte „Polizeiwesten“. Hierbei handelt es sich häufig um ausgemusterte Modelle. Warum ist das so? Die verarbeiteten Materialien verlieren nach fünf bis zehn Jahren ihre Schutzeigenschaften. Dieser Prozess wird durch direkte Einstrahlung von UV-Licht zusätzlich beschleunigt. Eine ballistische Schutzweste sollten Sie immer neu kaufen, niemals gebraucht.

Treffen Sie die Kaufentscheidung

Es ist sehr wichtig zu wissen, dass Stichschutz nur mit zusätzlichen Einlagen erreicht werden kann. Allein eine Schutzweste mit Schutzklasse 1 schützt nicht vor Angriffen mit Messern oder anderen Stoßwaffen. Hierzu gibt es zwei Möglichkeiten.

 

Ballistische Schutzweste aufrüsten

Sollten der ballistische Schutz vor Projektilen für Sie im Vordergrund stehen, dann können Sie sich zuerst eine entsprechende Weste kaufen und nachträglich aufrüsten. Wichtig hierbei ist, dass Sie vor dem Kauf mit dem Händler abklären, ob ein nachträgliches Aufrüsten der Schutzweste mit Stichschutzeinlagen möglich ist.

 

Individuelle Zusammenstellung

Alternativ können Sie sich eine Schutzwestenhülle kaufen und Sie individuell ausstatten mit Schockabsorber, bspw. SK-1 Einlagen, sowie Stichschutzoptionen. Dies erfordert jedoch eine gewisse Fachkenntnis und Erfahrung. Daher empfehle ich diese Option nicht, sofern Sie mit der Thematik bisher noch nie in Berührung gekommen sind.

 

Vergleichen Sie verschiedene Angebote

Nun steht dem Kauf Ihrer Schutzweste nichts mehr im Wege. Aufgrund der hohen Anschaffungskosten im drei- bzw. vierstelligen Bereich empfehle ich Ihnen Angebote verschiedener Händler zu vergleichen.

  • Besuchen Sie Händler vor Ort und lassen Sie sich gemäß Ihrer individuellen Anforderungen und Bedürfnisse beraten. Meiden Sie Anbieter bzw. Verkäufer, die Ihnen „Polizeiwesten“ oder Dergleichen anbieten wollen.
  • Planen Sie ein Budget von 600,- bis 800,- € für ballistische Schutzwesten der Schutzklasse 1 ein. Sollten Sie zusätzlich Hartballistik- oder Stichschutzeinlagen benötigen, wird es entsprechend teurer.
  • Haben Sie sich für einen seriösen Anbieter entschieden, lassen Sie Ihre Größe nach Maß bestimmen. Kaufen Sie unter keinen Umständen „Modelle von der Stange“ nach Einheitsmaß. Insbesondere bei längerem Tragen ist es wichtig, dass alles so sitzt wie es soll.
  • Investieren Sie in atmungsaktive Funktionsunterwäsche und tragen Sie diese unter der eigentlichen Weste. Ansonsten kommt es unter Umständen zu unangenehmen Hautreizungen oder Ausschlägen.

 

Sicherheitshinweis

Tragen Sie die Schutzweste niemals über Reißverschlüssen oder Knöpfen. Diese erhöhen im Ereignisfall den Trauma-Effekt um ein Vielfaches und können zu schweren (inneren) Verletzungen führen.

 

Fazit

Eine ballistische Schutzweste ist eine sinnvolle Option, sich gegen bewaffnete Angriffe und Bedrohungen zu schützen. Qualität hat immer ihren Preis – dies gilt insbesondere im Bezug zu vermeintlichen Sonderangeboten. Billigmodelle („Polizeiwesten“) sollten unter allen Umständen gemieden werden. Hinterfragen Sie die Aussagen von Verkäufern und nehmen Sie im Zweifelsfall Kontakt zu einem Fachkundigen oder Experten auf, der Sie bei der Auswahl eines geeigneten Modells beratend unterstützen kann. Bedenken Sie auch, dass dieser Artikel keine persönliche Beratung zum Thema ersetzen kann, sondern als Anhaltspunkt und Richtlinie dient.

Empfehlungen

ENGARDE GERMANY

COP GMBH

BEST Protection – ballistic equipment & security technology

Ihnen hat der Artikel geholfen? Dann würde ich mich über ein Feedback freuen. Für Fragen oder Anmerkungen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

 

 

4 Comments

  • Michael Schnabel

    Reply Reply 17. Januar 2016

    Hallo,
    Danke für Ihren sehr interessanten Artikel.
    Nun zur meiner Frage
    Ich arbeite im Rettungsdienst und habe eine Weste mit folgenden Kennzeichen
    32 Lagen Spezial – Aramidgewebe (DF/305/771)
    Stichfestigkeit -Stichenergie 3 Joule mit max. Durchdringung 20mm
    Stichhemmung gem. DIN/EN 388 Level 4
    Ballisticher Schutz (Pistolenmunition)
    9 mm Pistolenmunition
    FMJ RN 8,0 g – 427 m/s
    Coolmax Gewebe
    Angaben lt. Hersteller

    Was halten sie von der Weste für den Rettungsdienst ?

    Vielen Dank vorab für Ihre Antwort

    Gruß
    Michael Schnabel

    • Michael Zeitler

      Reply Reply 18. Januar 2016

      Guten Tag Herr Schnabel,

      es freut mich zu lesen, dass Sie den Beitrag informativ finden.

      Die Von Ihnen bezeichnete Schutzweste verfügt neben einer stichhemmenden Einlage auch ballistischen Schutz. „FMJ“ steht für Full Metal Jacket Und steht für Vollmantel Geschosse.

      Im Rettungsdienst halte ich dies nicht unbedingt für notwendig, jedoch hilfreich, da auch Rettungskräfte unter Umständen, insbesondere bei Amoklagen zwischen die Fronten geraten können.

      Was ich auf jedenfall empfehlen kann für Ihren Einsatzbereich Sind spezielle Handschuhe zum Schutz vor Nadelstichen.

      Sofern Sie weitere Informationen hierzu benötigen, senden Sie mir bitte eine E-Mail mit dem Betreff „Stichschutzhandschuhe“.

  • Banu Stefan

    Reply Reply 3. März 2016

    Sehr geehrter Herr Zeitler, auch ich bedanke mich für die sehr informative Beschreibung. Ich bin zur Zeit selbst auf der Suche nach einer „schweren“ Schutzweste für Amok- Terrorlagen für unser Polizei-Corps. Dabei bin ich auf Sie gestossen. Es macht mir die Suche etwas einfacher.
    Wenn Sie erlauben, würde ich gerne Ihre persönliche Empfehlung lesen.
    Unter „schwer“ verstehe ich eine Weste, welche nicht im Alltag genutzt wird, auch einen Tiefschutz aufweist und an den Armen und Halsbereich gewissen Schutz bietet.

    Mit bestem Dank und einem Grusse aus der Schweiz

    Stefan Banu

    • Michael Zeitler

      Reply Reply 16. Juni 2016

      Vielen Dank für Ihre Anfrage. Bitte entschuldigen Sie meine späte Antwort:

      Am Besten, Sie sehen sich mal bei MEHLER vario system um: http://m-v-s.de/spezialkraefte/
      Dort gibt es insbesondere für Spezialkräfte variable und flexible Lösungen, die zu Ihrer Beschreibung passen.

      Sicherlich sind auch Sonderanfertigungen möglich. Meiner persönlichen Meinung nach halte ich einen Tiefschutz je nach Einsatzlage nicht für sinnvoll. Man muss immer abwägen zwischen Schutz und Beweglichkeit. Arme sind ebenfalls sekundär. Halsbereich macht mehr Sinn – dann kommt vielleicht sogar ein ballistischer Helm mit Visier in Frage.

Leave A Response

* Denotes Required Field